Stiftung St. Matthaeus

ANDREAS MÜHE: HAGIOGRAPHIE BIOROBOTICA

3. Akt Werkzyklus „Auskehrung“

Günther II, 2016-2019 © Andreas Mühe

Der 3. Akt mit dem Titel „Auskehrung“ blickt bis zum 14. Februar 2021 mit resümierendem, nüchternem Blick auf die vorangegangen zwei Ausstellungsteile. Ein neues Jahr bricht an, die Motive des vergangenen Jahres beginnen schon zu verblassen. Die Leuchtkästen sind gänzlich aus der Installation verschwunden und an den Wänden sind im letzten Teil der Ausstellung Fotografien von Andreas Mühe zu sehen, die eine Figur, ähnlich einer antiken Skulptur, aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen. Der Torso der Figur wird mit der Kamera förmlich abgetastet nach Spuren seiner Geschichte, Hinweisen auf Erlebtes. Zu sehen ist allerdings lediglich der Abguss eines zierlichen Körpers, ohne Kopf und folglich ohne Gesicht und Identität. Am Ende der Ausstellungsreihe bleibt folglich nur mehr die Form übrig. Wie einzelne Teile einer Erzählung, die gleich einer Referenz noch das Frühere, das Gewesene aufrufen, aber nicht mehr zur Gänze fassbar machen. Vielleicht ist auch so die Erinnerung an die Bioroboter zu begreifen. Die faktischen Details rücken immer mehr in Vergessenheit, doch das Schicksal bleibt als Motiv über das konkrete Ereignis hinaus erhalten und als Aufruf zum An/denken unbedingt relevant. So fungiert die Figur in ihrer fotografischen Übersetzung als Dokument einer Vergangenheit, die jegliche Zuordnung in Fiktion, Geschichte und Realität offenlässt, beziehungsweise gekonnt verwebt. Die Geschichte der Bioroboter wird in der künstlerischen Bearbeitung von Andreas Mühe zur zeitlosen Metapher.
Die Ausstellung wird kuratiert von Dr. Kristina Schrei.

Andreas Mühe führt uns mit seinem dritten Ausstellungsteil die Verletzlichkeit und zugleich die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Körpers vor Augen: Wie Crash Test Dummies vor dem Aufprall erscheinen die Körperrepliken vor schwarzem Fonds, aufrecht, aber kopflos – versehrbare Körper, die wie die Bioroboter in Tschernobyl, ihre körperliche Integrität anstelle der unseren aufs Spiel setzen – auf dass wir von ihren Havarien lernen könnten… Pfarrer Hannes Langbein

Im Werkzyklus „Biorobots“, 2020, geht der Künstler Andreas Mühe dem fragwürdigen Narrativ des Heldentums nach. Mühe holt die namenlosen Akteure von Tschernobyl vor die Linse, indem er sie in originalgetreuen Kostümen nachstellt. Er zeigt seinen Protagonisten in Großaufnahme, lässt ihn Haltungen einnehmen, die gewöhnlich den Helden der Geschichte vorbehalten sind. Nur sein Gesicht ist schwarz verhüllt – sein Schicksal wurde schließlich von der Obrigkeit bewusst vergessen und verschwiegen.

Mühe führt in seinen Arbeiten vor, wie sehr das Ideal vom Helden im Sinne von Staat, Macht und Obrigkeit instrumentalisiert wird – und in welch starkem Kontrast dies zur schonungslosen Wirklichkeit steht. Dies wird am Beispiel von Tschernobyl als große menschliche Katastrophe der Nachkriegszeit besonders eindrücklich durchexerziert. Mühe führt den Gedankengang sogar noch weiter und stellt die Sinnfrage nach dem Glauben an Helden überhaupt. Gerade die Tatsache, dass in Corona-Zeiten erneut mit lobenden Worten von Heldinnen und Helden gesprochen wird, mahnt zur Vorsicht. Dass Einzelne immer wieder mutig und selbstlos agieren, steht außer Frage – wie die Biorobots von Tschernobyl, genauso, wie viele Menschen gegenwärtig.

Die St. Matthäus-Kirche ist Di-Fr von 12-16 Uhr und Sa-So von 12-18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht nötig.