Stiftung St. Matthaeus

Singe meine Farbe, singe zu mir und in meinen Bildern.

Ein Nachruf für den Berliner Maler und Bildhauer Sigmund Hahn

Abendsonne

Von Paul Klee stammt das berühmte Wort: "Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar". Auf wenige Künstler trifft diese Bestimmung so zu, wie auf das Werk des Malers und Bildhauers Sigmund Hahn. Mit seinen zahlreichen Werken steht Sigmund Hahn, der am 2. Mai 1926 in Berlin geboren wurde, in der Tradition der deutschen Expressionisten, deren Malstil sich durch eine von subjektiven Gefühlsempfindungen dominierte starke Farbigkeit aus zeichnet. Dass Sigmund Hahn hier anknüpfte, lag nahe, wenn man die Zeit bedenkt, in der sich sein Bild von der Welt zu formen begann. Zu seinen Lehrern zählte Karl Hofer. Er prägte und förderte den jungen Maler Sigmund Hahn, als er nach schlimmen Kriegserlebnissen 1949 das Studium der Malerei an der Berliner Kunstakademie, der heutigen Universität der Künste, aufnahm. Aber auch der ganz anders geartete Lehrer Max Kaus gab dem jungen Sigmund Hahn unverzichtbare Anregung. Aus dieser Beziehung wuchs eine Freundschaft. Bei Max Pechstein lernte er aquarelieren; Erich Heckel schaute ihm über die Schulter. In einem märkischen Pfarrhaus aufgewachsen wusste Sigmund Hahn schon früh um die existentielle Bedeutung der Kunst. Sein Talent blieb nicht unentdeckt. Mit 16 Jahren bestand er die Aufnahmeprüfung an der Berliner Akademie. Kurze glückliche Zeit. Als Meldereiter der Wehrmacht ist er im schwer umkämpften Ostpreußen eingesetzt, wo er schwer verletzt wird. Eines der letzten Lazarettschiffe bringt ihn in Sicherheit. An seinem 19. Geburtstag liegt im Kriegslazarett von Kopenhagen. Weihnachten 1945 findet er nach Hause in die Mark Brandenburg zurück, wo er gemeinsam mit seinen Eltern die erste Zeit im Sommerhaus der Familie überwintert bis eine Wohnmöglichkeit in Berlin wieder hergestellt ist. 1952 heiratet Sigmund Hahn die Fotokünstlerin Silva. Die Hochzeitsreise führt das Paar per Anhalter nach Süditalien. Sigmund Hahn erhält 1954 den Kunstpreis der Stadt Berlin. Als man ihm 1955 den Rompreis anbietet, lehnt er ab; jetzt müsse erst die St. Matthäus-Kirche wieder aufgebaut werden, für deren Sakristei er fünf Glasfenster zu schaffen hätte. Später wird Sigmund Hahn für mehr als zehn Berliner Kirchen Glasfenster gestalten. Ihm verdanken wir das große Altarfenster der Kirche Am Hohenzollernplatz in Berlin-Wilmersdorf, die Fenster der Christuskirche in Kreuzberg, die Fenster der Johann-Sebastian-Bach-Kirche in Berlin-Lichterfelde und viele andere. Eine Vielzahl von Ausstellungen (Berlin, Hamburg, Paris, München) bezeugte sein großes und weitgespanntes Werk. Zu seinem 80. Geburtstag im Jahre 2006 richteten ihm die Kirche Am Hohenzollernplatz und die Gale-rie von Detlef Gosselk in Berlin zwei umfangreiche Ausstellungen ein, die noch einmal den weit gestreckten Raum seines künstlerischen Werkes präsentierten. 2008 wurde mit Unterstützung der Stiftung St. Matthäus sein noch unveröffentlichtes Werkverzeichnis erstellt. Viele seiner Arbeiten insbesondere selten zu sehende, hinreißend schöne Aquarelle sind noch zu entdecken. Seine Arbeiten befinden sich in privatem und öffentlichem Besitz. Sigmund Hahns künstlerisches Lebenswerk macht Staunen. Es ist reich an wunderbaren Rätseln und glückseligem Farbenspiel. Bezaubernde Landschaften, oftmals Motive seiner märkischen Heimat stehen neben tanzenden Frauen, nachdenklichen Prophe-tengestalten, Engeln und Christusbildern. Über allem, was Sigmund Hahn im Laufe eines langen Künstlerlebens geschaffen hat, liegt bei allem Ernst immer auch mediterran Heiteres. Vielleicht kommt es davon, dass wir seine Malerei so lieben können. Sigmund Hahn hat in der großen Tradition europäischer Glasmalerei gewirkt. Wer sich auf den Weg in die mehr als zehn von Sigmund Hahns Malerei unverwechselbar gestalteten Berliner Kirchen macht, wird das Staunen lernen über die Vielfalt seiner ihm zur Verfügung stehenden Ausdrucksmittel, über die Spannweite der Themen und über die Farbenpracht seiner Glasfenster. In seinen Figuren verwandelt sich das von außen einfallende Sonnenlicht in das lebendige Wort Gottes, das die Herzen der Gläubigen aufschließt und die Anwesenden erleuchtet. Durch sein künstlerisches Werk ist die Berliner Kirchenlandschaft reich beschenkt worden mit Kirchenfenstern, die nicht das sichtbare wieder geben, sondern dem Klang des Evangeliums einen Resonanzraum aus Farbe und Licht schaffen. Die Evangelische Kirche verdankt Sigmund Hahn unzählige Hinweise der Verständigung über das, was Wesentlich ist und bleibt. Bestärkt von seiner Frau Silva, hat Sigmund Hahn von Anfang an die jährlichen Kunstauktionen zu Gunsten der kirchlichen Arbeit mit Migranten und für deren Integration mit viel Ermutigung und zahllosen Spenden von Ölbildern und Grafiken großzügig gefördert. Am Sonntag Kantate, dem 10. Mai ist Sigmund Hahn in Berlin verstorben. Seine Frau Silva und Familienangehörige, Freunde und Weggefährten, eine bunte, große Trauer-gemeinde nahmen am 27. Mai 2009 von ihm Abschied in einem Gottesdienst in der St. Matthäus-Kirche, für die er seine ersten Glasfenster schuf. Auf dem Waldfriedhof Ruhleben am Olympiastadion hat er seine letzte Ruhestätte gefunden. Mit seinem liebevollen Blick auf die Welt steht er uns vor Augen. Jemand hat von ihm einmal gesagt: Sigmund Hahn ist ein Lichtblick der Menschheit. Wer ihm einmal begegnet ist, wird diesen besonderen Eindruck freundlicher Zugewandtheit nicht mehr vergessen.

 

(Pfr. Christhard-Georg Neubert, Stiftung St. Matthäus)