Stiftung St. Matthaeus

Fashion Week am Bebelplatz 2009

Kritische Stellungnahme der Stiftung St. Matthäus zur Fashion Week auf dem Bebelplatz.

Vom 28. Januar bis 1. Februar 2009 war der Bebelplatz in Berlin Ort der zentralen Catwalk-Shows der Berliner Modewoche, wo neueste Modetrends für die Frühjahr/ Sommer-Saison 2010 präsentiert wurden. Ein großes Veranstaltungszelt besetzte den gesamten Bebelplatz. Das Denkmal des israelischen Künstlers Micha Ullman, das an die Bücherverbrennung der Nazis erinnert, war unter dem Zelt verdeckt. Nur durch einen verdrucksten seitlichen Eingang und zeitlich begrenzt konnten Interessierte nach einigem Suchen Zugang zum Denkmal finden. Einen Tag nach dem deutschen Holocaust-Gedenktag (27. Januar) und am Tage der ‚Machtergreifung’ der Nazis (30. Januar) einen der bedeutendsten Gedenkorte der Stadt derart dreist zu verdecken, zeugt nicht nur von mangelnder Sensibilität und schwachem geschichtlichem Bewusstsein, sondern ist eine politische Fehlleistung, die der Verharmlosung der Barbarei auf subtile Weise Vorschub leistet.

 

Das wird man auch außerhalb Berlins sehr genau wahrnehmen. Das Ereignis kann nicht unwidersprochen hingenommen werden. Auch zukünftig sollen an diesem Ort derartige Veranstaltungen durchgeführt werden. Es steht zu befürchten, dass einer der bedeutendsten Erinnerungsorte Berlins zu einem beliebigen Veranstaltungsplatz der an Events nicht Mangel leidenden Stadt missbraucht wird.

 

Seit dem 20. Mai 1994 existiert auf dem Bebelplatz in Berlin das Denkmal, das an die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 und damit an einen der folgenreichsten Akte der beginnenden Nazibarbarei erinnert. Das Kunstwerk zeigt eine unterirdische Bibliothek, deren Regale leer sind. Sie deuten auf die Vernichtung des Geistes durch den Ungeist. Eine Glasplatte, die in den Boden des Platzes eingelassen ist, gibt dem Betrachter den Blick in den unterirdischen Raum frei. Es handelt sich um ein einmaliges Erinnerungszeichen, das dem israelischen Künstler Micha Ullman zu verdanken ist und dessen künstlerische Qualität national und international vielfach gerühmt wird. Die Arbeit Ullmans bezieht die Wirkung aus ihrer stillen Eindringlichkeit und ihrer unauffälligen Präsenz auf dem leeren Platz. Diese Leere war für den Künstler wie die internationale Kunstkritik immer Bestandteil des Kunstwerks. Bestandteil sind auch zwei in einiger Entfernung in den Boden eingelassenen Bronzetafeln, die einen Schriftzug tragen, der die Bücherverbrennung der Nazibande an diesem Ort ins Gedächtnis ruft.

 

Der Respekt vor der Botschaft des Mahnmals und ein sensibler Umgang mit dem geschichtsträchtigen Ort gebieten den jederzeit unverstellten Zugang bei freiem Umraum. Es kann nicht angehen, das Denkmal nach Belieben zu zeigen oder zu verdecken. Gerade die Tatsache, dass Micha Ullmans Gedenkzeichen so leicht zu übersehen ist und ohne große Geste auskommt, fordert die Sensibilität der Verantwortlichen heraus. Es ist ein Gebot der Stunde, den Bebelplatz endlich wirkungsvoll als ein geschütztes Areal gegen jegliche kommerzielle Fremdnutzung zu schützen. Dieser authentische Ort, der ‚das Vorspiel’ der Barbarei wie kein anderer Ort in der Stadt Berlin repräsentiert, darf nicht wirtschaftlichem Kalkül ausgeliefert werden, sondern muss dem Gedenken vorbehalten bleiben.

Mitten im Zentrum Berlins und gegenüber der Humboldt-Universität wird die Wunde in der deutschen Geschichte offen gehalten. Keine Show darf das überdecken. Die Stiftung St. Matthäus - Kulturstiftung der Evangelischen Kirche hat den Regierenden Bürgermeister und den Senat von Berlin aufgefordert, seiner Verantwortung gerecht zu werden und ihren Einfluss geltend zu machen, dass der Bebelplatz künftig frei bleibt und missbräuchliche Inanspruchnahmen künftig unterbleiben.

 

(Pfr. Christhard-Georg Neubert, Stiftung St. Matthäus)