Stiftung St. Matthaeus

Ein Brief und ein Geschenk

Zur Aufstellung der Figur "Antlitz" von Vadim Sidur in der St. Matthäus-Kirche

Julija und Vadim Sidur

Die Aufstellung der Figur "Antlitz" des Künstlers Vadium Sidur in St. Matthäus erfolgte am 02. Mai 2001. Anlässlich dieser Übergabe schrieb die Witwe des Künstlers, Julija Sidur, im April 2001 einen Brief an Pfarrer Christhard-Georg Neubert:

 

 

 

Hochverehrter Herr Pfarrer Neubert!

 

Leider kann ich am 2. Mai 2001 in der St.-Matthäus-Kirche nicht dabei sein, wenn Vadim Sidurs Arbeit, das "Antlitz", übergeben wird. Ich danke allen sehr herzlich, die zu diesem Ereignis beigetragen haben. Insbesondere Karl Eimermacher, David Riff und Ihnen, lieber Christhard. Im bildhauerischen Werk Vadim Sidurs nahmen 'Christus' und die 'Kreuzigung' immer einen besonderen Platz ein.

 

In rasender Geschwindigkeit vergehen und kommen die Zeitalter, folgt eine Epoche auf die andere. Dem geistigen Untergang in diesem Ungestüm entgegen stehen die Gebote der Bergpredigt - eine Idee, unübertroffen in ihrer Einfachheit und Verständlichkeit. Einmal im Leben angerührt vom diesem christlichen Geist, wird ein Künstler die Notwendigkeit spüren, sich im Laufe seines Schaffens dem Christus-Bild zu stellen. Vadim Sidur macht das Antlitz des Erlösers aus Materialien, die von Menschenhand geschaffen, benutzt und auf den Müll geworfen wurden. Einen völlig zerbeulten Eimer, eine zerdrückte Konservendose, grobe Holzstücke, alte Aluminiumdeckel oder einzelne Eisenstücke. Alle diese nichtigen Abfälle werden von der Liebe, dem Talent und dem Können des Künstlers beseelt. Sie erhalten in dem Moment, in dem sie sich in ein "Antlitz" und eine "Kreuzigung" wandeln, einen neuen Sinn und eine neue Funktion.

 

Vadim Sidur, der solche Werke geschaffen hat, konnte nicht ahnen, daß sie irgendwann einmal in dieser schönen Kirche ausgestellt werden. Um so mehr hätte er sich gefreut, wenn er davon erfahren hätte. Ich danke nochmals allen.

 

Julija Sidur

Moskau, am 30. April 2001