Stiftung St. Matthaeus

Der Künstler Vadim Sidur

Einführung von Prof. Dr. Dr. Karl Eimermacher zur Übergabe der Skulptur ‚Antlitz’ von Vadim Sidur auf dem Festakt am 2. Mai 2001 in St. Matthäus

Vadim Sidur, „Treblinka“ (1966). Vergrößert auf 180cm, aufgestellt und eingeweiht am 14. September 1979 vor dem Amtsgericht Berlin-Charlottenburg (Kantstraße). Aluminium toniert.
Vadim Sidur, „Eiserne Propheten“, 1971, Guss, Aluminium, Gips
„Sarg-art“, 1972 – 1975, Metall, Holz

Der letzte Krieg zwischen Deutschen und Russen gehörte zu den tiefgreifendsten Erschütterungen in Sidurs Leben. Tag und Nacht, bis an sein Lebensende, ließ ihn die Erinnerung daran nicht los. Krieg, in dem sich Menschen anonym gegenüber stehen und meinen, sich retten zu können, indem sie auf den Andern schießen. Krieg, der durch das Visier der Waffen im Andern nur den Feind sehen lässt. Krieg, der Zerstörung für das Prinzip Hoffnung ausgibt. Krieg, der suggeriert, mit Gewalt die Welt zu heilen.

 

Der bei Kriegsausbruch siebzehnjährige Sidur sah keine Alternative zu diesem Krieg, auch wenn er selbst nicht in Hass, sondern im behüteten Elternhaus jüdisch-russischer Tolstojaner aufgewachsen war, in dem der Glaube an das Gute im Menschen und das Hoffen auf Vergebung gelebt wurden. Jede Art der Zerstörung von Leben, jede willkürliche Vernichtung von Leben musste daher in ihm Angst und Verzweiflung, das Gefühl von Hilflosigkeit und tief empfundenes Leid auslösen. Sidur schuf später in seinem Leben eine Serie von Denkmälern, die er Opfern der Gewalt widmete, die er »Tod durch Bomben«, »Treblinka«, »Formel des Leids«, »Den toten Kindern« und ähnlich nannte. - Die Erfahrung, die diesen Denkmälern zugrunde liegt, war es auch, die in ihm sofort nach dem Zweiten Weltkrieg den Wunsch gefördert hatte, Arzt zu werden. Nun wollte er nur noch helfen und Schmerzen lindern. Eine Illusion. Er war zu beschädigt an Leib und Seele, ein Medizinstudium durchzustehen. Und doch: Statt zerstören und vernichten, wollte er gestalten. Das war der tragende Gedanke, der ihn Künstler werden ließ.

 

Von Anfang an ging es ihm jedoch nicht um das Abbilden von Wirklichkeit. Auch nicht - wie im Sozialistischen Realismus - um eine suggerierte und herbeigesehnte neue heile Welt. Ihm ging es um den ehrlichen Versuch, im Angesicht der Widersprüchlichkeit menschlichen Zusammenlebens individuelle und allgemeine Erfahrungen von Geschichte mit emotionalem Engagement künstlerisch verallgemeinert zu formulieren. So verbildlicht Sidur Situationen, Erfahrungen, um diese neu und eindringlich aus seiner Sicht zu interpretieren. Seine Arbeiten wollen menschliche Befindlichkeiten vor Augen führen, wollen deren immer wieder doppelte und widersprüchliche Natur zeigen. Ich denke hier etwa an Skulpturen wie »Die heutige Situation«, in der eine männliche und eine weibliche Figur unauflöslich, sich stützend, tragisch miteinander verbunden sind. Ich denke an die Plastik »Tod durch Liebe«, in der Glücksgefühl und Schmerz miteinander verwoben sind. Ich denke aber auch an den großen Linolschnittzyklus, in dem Glücksgefühle, Krieg, Mord und sogenannte normale Lebenssituationen einander abwechseln. Der Zyklus heißt nach der Zahl der Linolschnittblätter, vielleicht aber auch nach Orwells Folterkammer-Vision »Einhunderteins« und trägt den Untertitel »Biblische Themen«.

 

Als Künstler der klassischen Moderne wollte Sidur die unterschiedlichsten, die Geschichte der Menschheit durchziehenden Motive darstellen und neu interpretieren, Motive, die den Ausgangspunkt für die Zerstörung von Leben und Kultur bilden. Zugleich wollte er aber auch die Hoffnung auf ein humanes Miteinander durchscheinen lassen. - Warum spreche ich über diese uns allen bekannten Selbstverständlichkeiten? Sidur litt fast physisch unter dem Verlust der Ganzheitlichkeit, dem Verlust der Harmonie, dem Verlust des Paradieses. Ich denke nun an seine vielen Zeichnungen, in denen der Sündenfall immer wieder neu inszeniert und interpretiert wird. Offenbar steht Sündenfall hier für die Hybris der Menschen, die Erkenntnis und Glücksgefühl um jeden Preis miteinander verbinden wollen. Nach dem fast tödlichen Kriegserlebnis und aufgrund seines Moskauer Alltags wusste der Künstler sehr genau, wie stark Emotionen, Leidenschaften und Animalisches latent vorhanden sind und leider allzu schnell handlungsbestimmend werden können. Er war sich sicher, dass die Folgen von Leidenschaften auch den Geist dazu verführen können, immer wieder neue Mythen zu erfinden, um alle Arten von Zerstörungen, ja auch den gewaltsamen Tod von Menschen zu rechtfertigen. Ausdruck eines solchen Mechanismus war für Sidur die Ungeheuerlichkeit des Krieges, den er bei der Aufstellung seiner »Treblinka"-Plastik vor dem Amtsgericht hier in Charlottenburg mit einem Fleischwolf verglichen hat. Einen Fleischwolf, in den er selbst hineingeraten war und dessen Handwerk er selbst als MG-Schütze (so heißt auch eine seiner Plastiken) mitbetrieben hatte. Als Invalide war er noch einmal davon gekommen, wie wir es seinem Selbstbildnis entnehmen können (»Der Verwundete«).

 

Auch vor diesem Hintergrund von Erfahrungen muss das Werk Vadim Sidurs, müssen seine Skulpturen und seine Graphik gesehen werden. Seine Skulpturen und seine Graphik zeigen die Zerstörung und Selbstvernichtung des Menschen wie auch das Leben und die Lust am Leben. Sie zeigen die Spannung zwischen diesen beiden Extremen, aber auch die labile Balance zwischen beiden. Von einem höheren Wesen keine Spur. Gott ist abwesend, höchstens als mythischer Schöpfer, als hilfloser ferner Betrachter wird er dargestellt. Für alle Lust und alles Leid liegt die Verantwortung beim Menschen selbst.

 

Voller Entsetzen und Misstrauen beobachtet der Künstler Experimente am Menschen. Mögen sie konzeptionell oder ideologisch noch so feinsinnig und überzeugend sein. Sidurs Plastik »Präparate« (aus dem Zyklus »Nach Experimenten«) spricht davon: Wir sehen einen riesigen Kübel auf drei Beinen. Es ist das Modell für ein riesiges Museum der Menschheit. Aus dem Kübel heraus ragen drastisch und schockierend Teile von Menschenkörpern: Makabrer Horror pur.

 

Vor diesem weiteren Hintergrund wird das Aufgreifen relativ vieler christlicher Motive im Werk Sidurs verständlich. Denn auch bei den Christus-Antlitzen geht es um die Zerstörung von Menschen durch Menschen, um das Leiden, das der Mensch dem Mitmenschen zufügt.

 

Sidurs Kreuzdarstellungen verweisen auch stets auf das Kreuz im übertragenden Sinne. Ihr Kreuz muss die Menschheit immer dann tragen, wenn sie die Spannung zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Leid nicht aufzulösen vermag oder wenn - bei aller historischer Erfahrung - der Einzelne unfähig ist, Lehren aus leidvoller Geschichte zu ziehen. Die Christus-Antlitze deuten daher im Aufzeigen des Leidens Christi nicht unbedingt auf die Erlösung des Menschen im christlichen Sinne, sondern sie legen den Finger in die Wunde des für Sidur nicht auflösbaren Widerspruchs von Gut und Böse. Dieser Widerspruch der nach Sidurs Meinung auch die Bibel durchzieht wird heute - wie ich meine - durch die Aufstellung dieses neuen Christus-Antlitzes als Widerspruch auch in den Raum der Matthäus-Kirche getragen. - Und noch etwas: Sidur ist seiner künstlerischen Ausbildung nach Monumentalbildhauer, der sui generis immer wieder versucht hat, seine Einsichten ins Leben monumental zu veranschaulichen. Monumentale Werke leben von dem permanenten Wechselverhältnis zwischen Statik und Dynamik, d. h. zwischen Ruhe und Bewegung. Das Monumentale hat - ähnlich wie typisierende Elemente in Kunstwerken - die Funktion der Verallgemeinerung. Interessanterweise geht nun aber Sidur bei seinen Christus-Antlitzen ähnlich wie bei seinen »Propheten ...« und seinen »Särgen« überhaupt nicht mehr vom Gedanken des Monumentalen aus. Die genannten Werke - wie auch unser Antlitz hier - haben Menschenmaß. Sie können und wollen nicht mehr verkleinert, vergrößert oder vervielfältigt werden. Sie sind - auch wenn Werke der Kunst - von ihrer Größe und einmaligen Individualität her - dem Menschen gleichgestellt. Sie sind wie wir: Teil unseres Lebens.