Stiftung St. Matthaeus

Der Erfinder der Elektrizität

Joseph Beuys und der Christusimpuls. Mit einer Dokumentation von Lothar Wolleh

Joseph Beuys porträtiert von Lothar Wolleh © Lothar Wolleh Estate, Berlin
Joseph Beuys porträtiert von Lothar Wolleh © Lothar Wolleh Estate, Berlin

Joseph Beuys (1921–1986) gehört zu den prägendsten deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Im Jubiläumsjahr 2021, in dem Joseph Beuys 100 Jahre alt geworden wäre, wird umfassend an sein vielseitiges Werk erinnert. In diesem Rahmen untersucht die Stiftung St. Matthäus in Berlin in einer gemeinsam mit dem ehemaligen Leiter des Hamburger Bahnhofs und Beuys-Experten Eugen Blume konzipierten Ausstellung die wenig beachteten religiösen Wurzeln im Schaffen Beuys‘.

Die tiefe Religiosität in Joseph Beuys‘ Schaffen hat ihre Wurzeln im so genannten „Christusimpuls“ nach Rudolf Steiner. „Der Erfinder der Elektrizität“ schrieb Joseph Beuys 1971 auf eine Serie von kleinen Herz-Jesu-Bildchen, um auf die revolutionäre, erneuernde Kraft des Gottessohnes hinzuweisen. Für Beuys steht Christus am Beginn einer noch immer nicht eingelösten Emanzipationsgeschichte des Menschen gemäß der Gleichung: „Kunst = Mensch = Kreativität = Freiheit = Denken = Plastik“ – Joseph Beuys ging es mit seinem „erweiterten Kunstbegriff“ um eine Freisetzung des Menschen in seinem Denken und Handeln: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, sofern es ihm gelingt, seine ureigene Fähigkeit zur kreativen Freiheit zu verwirklichen – so wie es Christus in seiner Freiheit gegenüber den Weltverhältnissen vorgelebt hat. Auf die Frage des Jesuitenpaters Friedhelm Mennekes was sein wichtigster Beitrag zum Christusbild gewesen sei, antwortete Joseph Beuys: „Der erweiterte Kunstbegriff. Ganz einfach.“ Dass sich die Suche nach dem Christusbild vor diesem Hintergrund nicht in der nahtlosen Anknüpfung an christliche Ikonographie erschöpfen kann, sondern als ‚Arbeit am Christusbild‘ und als Arbeit an einer neuen Gestalt von Gemeinschaft („Soziale Plastik“) verstanden werden muss, ist Ausgangspunkt dieser Ausstellung.

Die Ausstellung in der Berliner St. Matthäus-Kirche zeigt Arbeiten von Joseph Beuys aus unter-schiedlichen Schaffensphasen: Im Zentrum des Kirchenraumes steht die „Dumme Kiste“ (1982), deren durch Filz isolierte Kupferseiten in die Frage der Energieleitung und der Möglichkeit des Aus-tauschs von Kräften führen. Über dem Altar ist der Film „hinter dem Knochen wird ge-zählt/Schmerzraum“ (1983) zu sehen, der sich nicht nur mit den drohenden Konsequenzen eines Atomkrieges, sondern auch mit der selbst gewählten Isolation des Menschen beschäftigt – in un-mittelbarer Nähe, wie ein Hoffnungszeichen, die Herz-Jesu-Serie „Der Erfinder der Elektrizität, der Dampfmaschine, der Stickstoffsynthese usw.“ von 1971. Im Film „Beuys“ von Werner Nekes spricht Beuys – wie an einer Klagemauer – gegen die Wand, während er in „Eurasienstab“, um das Licht kreisend, die Erneuerung der Verbindungen sucht. Umlaufend um den Kirchenraum führen Joseph Beuys´ Ausstellungsplakate in die Aktion und die konkrete Arbeit an der sozialen Plastik, während – ebenfalls umlaufend – Zitate aus einem Gespräch zwischen dem Jesuitenpater Friedhelm Menne-kes und Joseph Beuys die Verbindung dieser Arbeit zur Arbeit am Christusbild zeigen – beispielhaft vor Augen im Film „Celtic“ (Fußwaschung) in der Sakristei der Kirche.

Ergänzt wird die Präsentation durch Arbeiten des Fotografen Lothar Wolleh: Wolleh, der zeitweise auch künstlerisch mit Beuys zusammenarbeitete, hatte Beuys 1970/71 bei Ausstellungsaufbauten in Stockholm und bei seiner Aktion „Filz TV“ begleitet und dabei seltene Einblicke in Beuys´ Schaffensprozess bekommen. Seine Fotografien sind einzigartige Dokumente des Künstlers auf den Emporen der Kirche: „Lothar Wolleh, Die Kunst der Dokumentation, Joseph Beuys 1970/71“.

Prof. Dr. Eugen Blume: „Die Kunst war für Joseph Beuys die einzige Möglichkeit, eine in jeder Hinsicht auf den Abgrund zuschreitende Menschheit zu retten. Dass er sich in diesem Zusammenhang öffentlich auf Christus beruft, ist im Umfeld der weitgehend atheistischen Nachkriegsavantgarde überraschend. Christus hat nach seiner Vorstellung die Freiheit erst ermöglicht und dieser Weg in die Freiheit schließt das Böse ein, das wie das Gute erst durch den Mensch gewordenen Sohn Gottes an Kraft gewonnen hat. Beuys schrieb auf fünf kleine Herz-Jesu-Bildchen die erstaunlichen Sätze, Jesus Christus ist der Erfinder der Stickstoffsynthese, der Gravitationskonstante, des 3. thermodynamischen Hauptsatzes, der Dampfmaschine und der Elektrizität. Für Beuys ist es das Lumen Christi, die für ihn einzige reale Möglichkeit der Erlösung aus dem geistlosen Materialismus des späten 20. Jahrhunderts.“

Pfarrer Hannes Langbein: „Es ist erstaunlich wie sehr Joseph Beuys´ Werk durch den so genannten „Christusimpuls“ geprägt ist. Beuys sah im Heilswerk Christi einen bis dato nicht dagewesenen Freiheits- und Heilungsimpuls, der sich bis in seine eigene Kunst hinein fortsetzt: Kunst bedeutet Heilung durch das Freisetzen des Menschen. Wie dieser Impuls bis in seine Arbeit an der „sozialen Plastik“, also in die Arbeit an der Gestalt unseres Zusammenlebens hineinwirkt, und wie sich diese sozialplastische Arbeit mit der geistlichen Arbeit in einem Kirchenraum verbindet, wollen wir in unserer Ausstellung untersuchen.“

Die Ausstellung wird großzügig gefördert durch den Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst e. V. München.