Stiftung St. Matthaeus

"Passion"

STRAWALDE

Warum ist uns Hiob, der Gerechte, der gottesfürchtige Mann, so nahe, auf eine besondere Weise vertraut wie ein guter Freund? Wohl nicht wegen seiner Frömmigkeit, obwohl gerade die sich als ein beeindruckendes Zeugnis möglicher Gottesbeziehung in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben hat. Hiob ist uns vertraut und nahe, weil er Fragen aufwirft, die unsere Fragen wurden, seit wir lernten, dass der Zweifel am Gegebenen nicht mehr von unserer Seite weichen wird, solange wir mit offenen Augen auf unser Dasein schauen. Eben noch quittiert Hiob die Schreckensnachrichten, die ihm den Verlust alles dessen künden, was ihm lieb und teuer ist, mit den unvergesslichen Worten: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt“ (Hiob 1, 21b). Aber alsbald beschleicht ihn der Zweifel am Sinn seines Daseins und wird ihn lange nicht mehr loslassen.

STRAWALDE, 'Passion', 2004, 195 x 170 cm, Öl auf Leinwand. Der Künstler hat das Altarbild zur Ausstellung LICHT-ZEICHEN für St. Matthäus geschaffen.
STRAWALDE, 'Passion', 2004, 195 x 170 cm, Öl auf Leinwand. Der Künstler hat das Altarbild zur Ausstellung LICHT-ZEICHEN für St. Matthäus geschaffen.

Hiobs Klage gibt allen denen Sprache, die am Abgrund stehend der Verzweiflung näher sind als dem Funken einer Hoffnung. Und so bricht es aus ihm heraus: „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach, ein Knabe kam zur Welt! Jener Tag soll finster sein, und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen.“ Und wenig später schreit Hiob seine Frage hinaus: „ Warum gibt Gott das Licht dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen ...?“

Strawaldes ‚Lichtzeichen’ sind Malerei im Dazwischen, zwischen Dunkel und Licht, am Abgrund aber nicht ohne Hoffen. Erstmals stellt sich Strawalde der Herausforderung, malerisch zu reagieren auf einen Ort, der geprägt ist durch den Altar, an dem sich Sonntag für Sonntag Menschen versammeln, um das Sakrament des Heiligen Mahles zu empfangen. Hier am Tisch des Herrn lassen sie sich berühren vom Unberührbaren. Hier gewinnt unter den Zeichen von Brot und Wein das Undarstellbare eine vorübergehende Gestalt. Der Tisch des auferstandenen Christus als unüberbietbares Zeichen der Nähe Gottes - mysterium salutis.

Strawaldes Versuch, diesen besonderen Ort der Kirche durch seine Malerei näher zu bestimmen, zu deuten und möglicherweise für sich selbst besser zu verstehen, ist kein spätes Andienen an die Kirche noch Aufgeben eigener in einem intensiven Leben gefundener Positionen. Strawalde ist sich in seiner Haltung treu geblieben; wir begegnen dem in seiner Malerei immer wieder auftauchenden Stilelement des Additiven, erkennen den collagehaften Aufbau aus einzelnen Farbfeldern und Farbvolumen samt figuralem Entwurf wieder.

Das für St. Matthäus im Sommer 2004 geschaffene Altarbild ‚Passion’ ist ein streng komponiertes Gemälde. Es erinnert an das Frühwerk des Malers. Die sich im rechten Winkel schneidenden Linien des Kreuzes werden verformt zu gebogenen Linien der Diagonale. Im Rot und Grün begegnen jene liturgischen Farben, die für die Wirkungen des Heiligen Geistes stehen (rot) und für die Hoffnung, die erwächst aus dem unablässigen Versuch, sich leiten zu lassen von der imitatio christi (grün). Das starke Blau mag stehen für jene Dimension, die sich unserm Einfluss entzieht, gleichwohl aber unser Dasein im Horizont der Doxa, des himmlischen Glanzes und göttlicher Herrlichkeit deutet. In der rechten Bildhälfte erscheint Christus als Halbfigur. Sein blutüberströmtes Gesicht und die im Licht stehende, ungebeugte Gestalt lassen eher an den österlichen Christus denken. Dieser Christus steht jetzt unter dem Kreuz, darin dem geschundenen Menschen ganz nah. Die linke Bildhälfte erstrahlt in einem hellen, intensiven Sonnengelb. Es ist mächtig und bedrängt kraftvoll die Schwärze der anderen Bildhälfte. Die Dinge sind fast im Gleichgewicht. Aber das Licht ist das Kommende; das Dunkle geht einmal dahin. So wird das Altarbild zum Licht-Zeichen und erweist darin sein Recht, über dem Tisch des Herrn hängend den Kirchenraum zu dominieren.

In der Perspektive Dante Alighieris sieht das Auge des Menschen, wenn es denn vom Glauben zum Schauen findet, nur noch Licht-Zeichen. »Nicht, dass das lebendige Licht, das ich betrachtete, anders als ganz einheitlich erschienen wäre – es ist immer so wie es vorher war – aber weil mein sehen beim schauen in mir erstarkte, wandelte sich mit meiner Veränderung in mir die eine einheitliche Erscheinung. In der tiefen und klaren Wesenheit des hohen lichtes erschienen mir drei Kreise von drei Farben und von gleicher Breite und der eine schien widerschein des anderen zu sein, wie ein regenbogen des andern, und der dritte schien feuer, das gleicherweise von hüben und von drüben hergeisterte.« (Divina Commedia, 33. Gesang)

Der Dank für das Zustandekommen dieser Ausstellung gilt zuerst der Kuratorin Friederike Sehmsdorf und dem Maler Strawalde. Beide haben je auf ihre eigene Weise unermüdlich über mehr als zwölf Monate an der Idee dieser Ausstellung festgehalten, sie entwickelt und realisiert.

Das Erscheinen des Katalogs wurde ermöglicht durch die großzügige Förderung durch Thilo Steinbach, dem Kunstfreund und Sammler. Auch hierfür sei von Herzen Dank gesagt.

Christhard-Georg Neubert