Stiftung St. Matthaeus

SIGNUM. Signaturen - Bildgedächtnis

Max Wechsler

Max Wechsler. Papiers marouflés für die St. Matthäus-Kirche (2013)
Foto: Christine Fleurant
Max Wechsler. Papiers marouflés für die St. Matthäus-Kirche (2013) Foto: Christine Fleurant

Im Werk Max Wechslers (1925 in Berlin geboren) werden die Schriftzeichen aus den Worten und ihrer Sinnhaftigkeit gelöst. Worte gehen in zerlegter Form in eine neue Wirklichkeit ein, bewahren jedoch eine gewisse Erinnerung ihrer ehemaligen Bestimmung. Nicht Lesbarkeit ist für Wechsler die Erkenntnis der (Bild-)Sprache, sondern das verborgene Wechselspiel aus Einsamkeit und Stille, Schatten und Licht, welches sich zwischen den Buchstaben Bahn bricht.

Heißt es im Johannesprolog: „Im Anfang war das Wort …“ (Joh. 1, 1-5) so könnte man im Blick auf Max Wechslers Arbeiten zu dem Schluss kommen: am Anfang war der Buchstabe. Denn noch bevor sich die Textgestalt eines Wortes bildet durch sinnvolles Zusammenfügen von Buchstaben steht der einzelne Buchstabe je für sich. Diesem 'Anfang' hat sich Max Wechsler offenbar verschrieben, hat ihn zum Gegenstand einer ganz eigenen Wertschätzung gemacht, in dem er Textestücke zurückführt auf ihre Buchstaben, eine Form poetischer Dekonstruktion erfindet, die zur Unlesbarkeit der Texte führt, aber gleichzeitig durch Einzelstellung den Buchstaben einen anderen Blick gibt.

Das erzwungene Exil im Jahre 1939, dann der plötzliche Entzug der Muttersprache haben bei Max Wechsler, so sagt er es einmal, „das Gefühl des Verlustes hinterlassen“. In seinen Bildern treffen wir auf Spuren des Verlustes; fragmentierte Texte und Zeichen, Buchstaben, die sich nach ganz eigenen inneren Temperaturen und Gesetzmäßigkeiten zusammenfügen zu neuen Texturen ganz anderer Ordnung. „Buchstaben“, so hat er es einmal selbst formuliert, bedeuten für ihn: „Stille und Einsamkeit, Licht und Schatten.“ Dazwischen ereignet sich das Leben, unser Leben, das Fragment bleibt, an dem man günstigsten Fall noch ablesen kann, wie unser Schöpfer es gemeint hat (Dietrich Bonhoeffer). Welche Resonanzen entstehen, wenn wir uns diesen Bildwerken aussetzen? Begegnen wir in Max Wechslers auf Buchstaben reduzierten Textfragmenten der Suche nach dem verlorenen Wort? Der Suche nach dem Lichtwort, dem verlorenen Wort für das Unsagbare, für das Schöne, für Gott?

In der St. Matthäus-Kirche werden hochformatige »papier marouflés« gezeigt, welche Max Wechsler speziell für diesen besonderen Ort geschaffen hat.

Mit 13 Jahren vor den Nationalsozialisten nach Paris geflohen, lebt und arbeitet Max Wechsler in Paris.

Im Jovis-Verlag Berlin ist die umfassende Monografie 'Max Wechsler' erschienen mit Beiträgen von Ruth Martius, Andreas Haus, Klaus Dermutz, Andrè Schmitz, Maurice Banhamou und Max Wechsler. Herausgegeben von Ruth Martius, Kunstbüro Berlin, Uhlandstrasse 162 in 10719 Berlin; 215 Seiten.