Stiftung St. Matthaeus

camera chiara - Arbeiten von Miguel Rothschild

44. Kabinettausstellung

Regelmäßig lädt der Bischof Künstlerinnen und Künstler ein, ihre Arbeiten im Evangelischen Zentrum Berlin zu präsentieren. Die Ausstellungen zeigen in kleinerem Rahmen künstlerische Positionen der Malerei, Grafik und Fotografie und bereichern damit den Dialog der Kirche mit zeitgenössischer Kunst.

Jesus saves (2010)
Jesus saves (2010)

Während der Passionsausstellung „De profundis“ des argentinischen Künstlers Miguel Rothschild in der St. Matthäus-Kirche im Berliner Kulturforum zeigt die Stiftung St. Matthäus weitere Bilder des in Berlin lebenden Künstlers auf der Bischofsetage im Evangelischen Zentrum. Zu sehen sind fotografische Objekte, die durch kunstvolle Perforationen entstanden sind: Fotografien von Kirchenräumen und Kirchenfenstern, Friedhöfen und Stadtlandschaften, Heiligenbildern und Beichtstuhlgittern, die mittels Lochungen zu licht- und blickdurchlässigen Gebilden werden, deren Bildpunkte wie Konfetti in den Bilderrahmen fallen. Nichts ist wie es scheint! – Denn was wir auf den ersten Blick als Bildoberfläche wahrnehmen, verwandelt sich bei näherem Zusehen in eine Lochschablone, die den Blick – ein humorvoller Kommentar zur Transzendenz in der Kunst! – über die Bilder hin-ausführt.

„Camera chiara“, „Die helle Kammer“, ist der Titel der Ausstellung, der an das gleichnamige Buch des französischen Philosophen Roland Barthes erinnert. Darin unterscheidet Barthes zwei Betrachtungsweisen von Bildern: Das „studium“, das die Bilder auf erkennbare Objekte im Horizont bereits vorhandenen Wissens hin betrachtet. Und das „punctum“, winzige Bilddetails, visuelle Punktierungen, die den Betrachter überraschen, ihn aus seiner distanzierten Beobachterhaltung herausholen.

Miguel Rothschild scheint mit diesem „punctum“, auf seine ganz eigene ironische Weise zu spielen. Denn was bei Roland Barthes als visuelle „Punktierungen“ der Bilder beschrieben wird, kehrt bei Miguel Rothschild in Gestalt von Konfetti wieder: Miguel Rothschild nimmt Roland Barthes „punctum“ gleichsam wörtlich, um mit ihm auch die bedeutungsträchtigsten Motive – etwa die Verletzungen des Heiligen Sebastian, Kirchenfenster, Friedhöfe oder Sichtblenden alter Beichtstühle – von ihrer Schwere zu befreien.

Letztere lassen sich übrigens nicht nur betrachten, sondern auch zum Spielen verwenden. Gerahmt in ed-len Holzschatullen werden die Gitter alter Beichtstühle zu Geduldsspielen, die durchaus in Gebrauch genommen werden dürfen. Nur Vorsicht: Das Spiel mit der Geduld bzw. mit der Schuld hat verschiedene Schwierigkeitsgrade...

Miguel Rothschild (*1963 in Buenos Aires) ist ein argentinischer Künstler, der heute in Berlin lebt und arbeitet. Nach einem Studium an der Hochschule der Künste in Buenos Aires war er Schüler und Meisterschüler von Rebecca Horn an der Universität der Künste in Berlin. Es folgten zahlreiche Stipendien und Preise – u.a. Arbeitsstipendien der Stiftung Kunstfond und Preise der Karl Hofer Gesellschaft. Seine Arbeiten werden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen weltweit gezeigt – darunter Einzelausstellungen in der Galerie kuckei-kuckei, Berlin sowie Gruppenausstellungen u.a. in Berlin, Frankfurt am Main, Nürnberg, Kiel, Paris, Budapest, Mumbai und Buenos Aires.