Stiftung St. Matthaeus

"Kreuzigung" (Raspjatie)

Vadim Sidur

Vadim Sidur (1924-1986) gehört heute zu den bedeutendsten russischen Nachkriegsbildhauern der alternativen Kunstszene in Moskau. Seine Ende der vierziger Jahre begonnene Ausbildung an der ehemaligen Stroganov-Kunsthochschule war zunächst noch geprägt durch Darstellungsnormen des Sozialistischen Realismus, von denen er sich in den fünfziger Jahre bald losgesagt hat, um seinen eigenen, individuell und seinem Gewissen folgenden Stil in der Kunst zu entwickeln.

Vadim Sidur, 'Kreuzigung' (Raspjatie), 1969, Metall, Holz, 53 x 43 x 17 cm
Vadim Sidur, 'Kreuzigung' (Raspjatie), 1969, Metall, Holz, 53 x 43 x 17 cm

Sidur zeichnet sich formal durch Orientierung an der archaischen, stark verallgemeinernden und in der Tradition der klassischen Moderne stehenden Schaffensprinzipien aus. Charakteristisch ist für ihn eine breite Variation von künstlerischen Lösungen bei der Interpretation der so genannten ewigen Themen (Liebe, Tod, Familie), die im Laufe der sechziger und siebziger Jahre durch zahlreiche, neue thematische Problemfelder gerade auch des zwanzigsten Jahrhunderts (Krieg, Aggression, Brutalität, Vernichtung, Leid) eindrucksvoll erweitert wurden. Seit Ende der sechziger Jahre tauchen dann in seinem Werk vermehrt Motive des Alten und Neuen Testaments auf, die vor allem die Befindlichkeit der menschlichen Kreatur angesichts zunehmender Bedrohung durch wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Experimente thematisieren.

Als Künstler, der zeitgenössische Themen schonungslos zur Sprache bringt, wurde Sidur besonders durch die Assemblagen der neuen Propheten aus Eisen sowie durch Werke der Sarg-art zu einem ernst zu nehmenden Dialogpartner in der künstlerischen Auseinandersetzung um existentielle Probleme unserer Zeit.

Öffentlich bekannt wurde Vadim Sidur zunächst durch Ausstellungen und Veröffentlichungen außerhalb seiner Heimat. So wurden seine Werke seit 1972 in der Schweiz und Deutschland in über zwanzig Einzelausstellungen gezeigt. Über zehn seiner vergrößerten Skulpturen wurden im öffentlichen Raum in Deutschland und den USA aufgestellt.
In der Sowjetunion konnte Sidur Plastiken seit 1968 zunächst nur auf Friedhöfen aufstellen. Die erste große öffentliche Anerkennung und Ausstellung in Moskau erfolgte 1987 im Rahmen der mit der Perestrojka erfolgten kulturellen Öffnung unter Gorbatschow.

Sidurs Arbeiten befinden sich heute in öffentlichen und privaten Sammlungen in Deutschland, den USA, Frankreich und Schweden.

Vadim Sidur nennen Fachleute in einem Atemzug mit Moore, Lipchitz, Giacometti und anderen. Er starb am 26. Juni 1986 nach einem Herzinfarkt in Moskau.

2001 konnte die Stiftung St. Matthäus die Skulptur "Antlitz" (1979) erwerben. Sie hat ihren ständigen Platz in der St. Matthäus-Kirche im Kulturtforum gefunden.