Stiftung St. Matthaeus

Kunstgottesdienst "Mein Psalm" 2004

Psalmcollage von Lutz Seiler zu Psalm 3

Predigt: Bischof Dr. Wolfgang Huber
Liturgie: Pfarrer Christhard-Georg Neubert
Lesung: Lutz Seiler
Musik: Gerd Anklam und Beate Gatscha, Musik und Tanz; Prof. Stefan Schuck, musikalische Leitung und Orgel


---


Psalm 3

1 Ein Psalm Davids, als er vor seinem Sohn Absalom floh.
2 Ach HERR, wie sind meiner Feinde so viel
und erheben sich so viele gegen mich!
3 Viele sagen von mir:
Er hat keine Hilfe bei Gott. SELA.
4 Aber du, HERR, bist der Schild für mich,
du bist meine Ehre und hebst mein Haupt empor.
5 Ich rufe mit meiner Stimme zum HERRN,
so erhört er mich von seinem heiligen Berge. SELA.
6 Ich liege und schlafe und erwache;
denn der HERR hält mich.
7 Ich fürchte mich nicht vor vielen Tausenden,
die sich ringsum wider mich legen.
8 Auf, HERR, und hilf mir, mein Gott! /
Denn du schlägst alle meine Feinde auf die Backe
und zerschmetterst der Gottlosen Zähne.
9 Bei dem HERRN findet man Hilfe.
Dein Segen komme über dein Volk! SELA.


---


Collage zum Psalm 3
Lutz Seiler, 2004


Die Hand an der Naht zwischen den Augen –
es ist, als wäre niemand da. Was ich hörte,
die Treibjagd, die Tinte, jeder

Psalm verfolgt vom psalmodieren, ein Geruch
der die Spiegel schwärzte im Haus – das
waren die Verfolger, ihre

Spuren, die schon stiegen im Rücken, ihr
osmotisches Schreiten, aus der Haut in den Wald, aus
dem Sinn in die Augen: blind

gespielt verlor ich Bild für Bild, ich sah
meinen zitternden Schädel gepreßt an
den Giebel des Bettes: „Jahweh,

was sind meine Feinde so viele, so viele gegen mich
und viele, die sagen: Nein, er hat keine Hilfe bei Gott.“
Doch während ich schlafe, entstehen die Karten. Auf

der Abszisse: das niemals Geglückte, wie
von Kopfende zu Kopfende leiser
es gekommen ist, jeder Vorschein einer Haut

behaust vom Traum meiner Verfolger – blind und
dunkel unter der Decke, so frage ich leise: „Aber du,
Jahweh, du bist doch ein Schild für mich? Der meine Ehre

rettet, der mir das Haupt aufrichtet? Ich liege und schlafe
und erwache, und du, Herr, hältst mich. Ich werde mich
nicht fürchten vor den viel Tausenden, die sich umher

wider mich legen.“ Doch liege ich nachts mit
ohne Mund gepreßt an eine Wand, mein
Atem schleift am Bettgestell, die Krone

macht den Himmel groß, Geäst am Gaumen, taube Haut, die
einzeln mit den Zähnen flüstert: „So rufe ich an
mit meiner Stimme den Herrn, so erhört er mich doch

von seinem heiligen Berge.“ Denn ich bin das Stöhnen
selbst gewesen, krächzen, ächzen, leise treten
der Gespräche war ich es selbst im Augenspalt

des Dunkels, war ich selbst das rohe Ich, das Böse, was
ich wirklich dachte, steif mit aufgestellten Ohren bis
ans Ende dieser Kreidezeit: dort siehst du, wo ich nachts

gelegen hatte wie der weiße Hase Gottes lag, wo meine Statik
sich bereits versetzte … „Steh auf, Jahweh, und hilf mir,
mein Gott! Du schlägst alle meine Feinde auf den Backen, du

zerschmetterst die Zähne der Schurken. Bei dem Herrn findet
man Hilfe. Dein Segen komme über dein Volk.“ Denn mein
Erfinder atmet ozeanhart. Und was zugrunde geht, gelobe ich,

hält stand in seiner Schwebe.


© Lutz Seil