Stiftung St. Matthaeus

Kirchenstücke

Fotografien von Christof Klute

27. Kabinettausstellung

Sarnen V, St. Martin, 2006
Sarnen V, St. Martin, 2006

Mit den Serien der Kirchenstücke bearbeitet Christof Klute ein klassisches Genre der kunstgeschichtlichen Tradition. Eine erste Hochzeit erfährt die Darstellung von Kircheninterieurs in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts durch Künstler wie Pieter Saenredam, Emanuel de Witte oder Gerad Houckgeest. Interessant an diesen Bildern ist, dass es sich nicht nur um die perspektivisch exakte Wiedergabe von vorgegebenen Architekturen handelt, sondern in diesen Malereien zugleich politische und theologische Themen reflektiert werden. Den Hintergrund für dieses Bildprogramm bildet die Loslösung der nördlichen, überwiegend calvinistisch geprägten Niederlande von den katholischen Südprovinzen. Das Verhältnis von Idee, Architektur und Bild beschäftigt auch Christof Klute in seinen Serien zu den Kircheninterieurs. Nach einer intensiven fotografischen Auseinandersetzung mit den niederländischen Kirchen des 17. Jahrhunderts konzentriert Klute sich auf Gebäude, die sich in ihrer architektonischen Konzeption auf bestimmte Ideen stützen. So geht etwa die Klosterkirche Notre-Dame-de-la-Tourette auf einen intensiven Gedankenaustausch des nicht explizit christlich ausgerichteten Le Corbusier mit den Dominikanern von Lyon Anfang der 50er Jahre zurück. Dabei verbindet der Architekt die mittelalter-lichen Regeln des Ordens mit einer modernen Auffassung vom Menschen ganz unabhängig von jeder religiösen Orientierung. Es entsteht ein Haus, in dem die Grundbedürfnisse des Menschen nach Stille und Kommunikation in ein ausgewogenes Verhältnis treten können. Diese Idee des Zusammenhangs von Gemeinschaft und Kontemplation versuchte Le Corbusier nicht zuletzt auch in seinen fünf Wohnmaschinen zu realisieren. Sie ist aber auch das leitende Prinzip der Eglise Saint-Pierre, die 2004 bis 2006 nach Plänen von 1956 fertiggestellt wurde. In mehreren Besuchen hat Klute den Bauprozess verfolgt. Die Fotografien vom April dieses Jahres zeigen das Gebäude im fast fertigen Zustand. In seiner fotografischen Herangehensweise geht es Christof Klute weniger um Dokumentation und Wiedererkennbarkeit der Architektur als um eine Balance zwischen subjektiver Sicht und objektiver Darstellung des Raums. Dazu sucht er die Orte mehrmals auf: beobachtet Veränderungen der Architektur aber auch die seiner individuellen, biografisch-zeitlich geprägten Wahrnehmung. In diesem Spannungsverhältnis von Dokument und Autobiografie versucht der Fotograf etwas von der Atmosphäre des Raums festzuhalten. So entstand das erste Bild aus der Serie der Kirchenstücke zu Le Corbusier bereits 1999, während die übrigen in diesem Jahr während eines längeren Aufenthalts im Kloster La Tourette aufgenommen wurden. Auffällig an der neuen Serie ist die Konzentration auf Details und Lichtphänomene. Die sich so ergebende abstrakt anmutende Bildsprache korrespondiert der kontemplativen Stimmung, die Le Corbusier seinen Räumen durch die Reduktion auf Beton, Licht und Farbe verleiht.